Kann Bonn wieder Laufen lernen?

Kann Bonn wieder Laufen lernen?

Die Polizei hat Ende der Woche in Siegburg einen fast 80-jährigen Rollatorfahrer als Serientäter überführt. Über mehrere Monate kam es in der Innenstadt immer wieder zu Sachbeschädigungen an geparkten PKW. Der Mann hatte mit einem spitzen Gegenstand Kratzer in den Autolack geritzt. Insgesamt wurden der Polizei rund 80 Taten mit einem Sachschaden von mehr als 40.000 Euro gemeldet. Der Rentner räumte nach anfänglichem Zögern die Taten ein. In seiner ersten Vernehmung gab er an, dass er sich über die Parksituation geärgert habe. Was die Polizei als „Parksituation“ beschreibt und jetzt alle – auch Medien über die Region hinaus – empört, erleben Fußgänger jeden Alters leider täglich. Ärger über vollgeparkte Bürgersteige. Selbstverständlich ist Wut immer ein Zeichen für eine Grenzüberschreitung. Sachbeschädigung darf natürlich nicht toleriert werden und Selbstjustiz ist nie eine gute Idee. Dieser Rentner führt jedoch zu einem Thema, das mit einer verwunderlichen Selbstverständlichkeit komplett totgeschwiegen wird. Der Fußverkehr hat einen ungelösten Konflikt mit anderen Verkehrsteilnehmern. Die Konflikte sind nicht mit Radfahrern, die auf Fußwegen fahren, sondern mit Autos, die nur Parken und dann aktuell gar nichts zur Mobilität beitragen! Diesem Fußverkehr, die natürlichste, gesündeste, sozialste und umweltverträglichste, leiseste und abgasärmste Form der Fortbewegung auf die Eltern bei Ihren Kindern zurecht stolz sind, wird hier Thema sein.

Wie geht es in Bonn weiter?

Mithilfe der eigenen Körperkraft mobil zu sein ist die zugänglichste, gesündeste und kostengünstigste Art der Fortbewegung. Gute Bedingungen für das Gehen sind daher ein Grundrecht. Wir feiern in Bonn nicht ohne Grund 70 Jahre Grundgesetz. Artikel 1 sagt jedoch auch „Die Würde des Menschen ist unantastbar und sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller Staatlicher Gewalt“ Doch wie würdelos werden Fußgänger heute behandelt? Ein Minister brachte letztes Jahr den Vorschlag ältere Menschen zu trainieren, dass sie besser über die Grünphasen der Fußgängerampeln kommen. Wie können Fußgänger nun Teil der Verkehrswende werden? Das wird uns die nächsten Monate beschäftigen. Wir werden verschiedenen Fragen nachgehen und berichten wo man sich schon auf den Weg gemacht hat.
Es soll hier dann nach und nach um Bonner Orte, Wege, Situationen, neue Chancen und Risiken gehen. Wir werden die Wartezeiten an Ampeln und die Gleichberechtigung gegenüber Rad und Autos ansehen. An Verwaltung, Politik und Polizei werden wir Fragen stellen und Antworten auswerten, die uns weiterbringen Dinge zu ändern.
Mithilfe der eigenen Körperkraft mobil zu sein ist die zugänglichste, kostengünstigste und umweltverträglichste Art der Fortbewegung. Eine gut ausgebaute Infrastruktur für Gehen und Radfahren verbessert nicht nur die persönliche Gesundheit, sondern bringt zusätzlichen Nutzen für die Gesellschaft. Gute Bedingungen für bewegungsaktive Mobilität wie Gehen und Radfahren zu schaffen ist daher ein wesentlicher Schritt nicht nur in Richtung Klimaschutz, sondern auch hin zu einer sozial gerechten, leistbaren Mobilität, die allen nützt. Früher konnte man Vieles zu Fuß erledigen, wofür man heute weite Wege mit dem Auto nimmt. Schlechte Überquerungsmöglichkeiten an stark befahrenen Straßen machen die Läden dort unattraktiv. Abkürzungen für Gehende und verkehrsberuhigte Zonen bringen wieder Leben in tote Bereiche der Stadt. An lebendige Bereichen vor Schulen müssen gehende Schüler immer noch von Elterntaxis geschützt werden.

Gehen und soziale Gerechtigkeit

Mobilitätsarmut für viele Menschen ein relevantes Thema. Der Zugang zu Mobilität ist nämlich eine Grundvoraussetzung, um am öffentlichen und sozialen Leben in unserer Gesellschaft teilzunehmen. Ein ausschließlich am Pkw orientiertes Verkehrssystem schließt viele Bevölkerungsgruppen aus. Daher spannend warum sich keine Partei dem Thema wirklich annimmt, obwohl nur 28% der Innenstadtbesucher mit dem Auto nach Bonn kommen, dominiert der Stau und Parkplätze die Diskussion unverhältnismäßig stark. Gute Bedingungen für das Gehen und Radfahren sowie ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz zu schaffen bedeuten deshalb, dass auch Bevölkerungsgruppen ohne verfügbaren Pkw, junge und ältere Menschen sowie Personen mit Mobilitätseinschränkungen soziale Teilhabe erleichtert wird. Mobilität ist eine Aneinanderreihung von unterschiedlichen Wegen. Also wer Öffentliche Verkehrsmittel nutzt, beginnt seinen Weg meist zu Fuß. Gut ausgebaute, sichere und direkte Fußwege zu den nächstgelegenen Haltestellen laden in Kombination mit einem attraktiven Umfeld zum Gehen ein. Aber auch wer das Rad oder Auto abstellt, legt die weiteren Wege vor Ort zu Fuß zurück. Die Förderung des Gehens kommt daher auch dem Öffentlichen Verkehr Bonn zugute. Denn ganz klar ist: Sind Haltestellen und Bahnhöfe ohne Umwege sicher und angenehm zu Fuß zu erreichen, steigt auch die Bereitschaft Öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.
Der Leichtigkeit und Flüssigkeit des Kfz-Verkehrs dürfen Sicherheit und Gesundheit anderer Verkehrsteilnehmer nicht zum Opfer fallen. Eine gerechte Platzverteilung im Straßenraum verbessert die Situation für Fußgängerinnen und Fußgänger und erhöht die Qualität des öffentlichen Raums als Aufenthaltsraum. Man trifft sich, man begegnet sich und tauscht sich aus. Die Wirtschaft profitiert davon.
Ein dichtes, barrierefreies Wegenetz mit guten Fußgängerübergängen für breite und stark befahrene Straßen ist für Fußgängerinnen und Fußgänger wesentlich. Hinweisschilder zum Zeitbedarf an Schildern in der Innenstadt können helfen. Ausreichend lange Ampelphasen, Sitzgelegenheiten zum Ausruhen und ausreichende Beschattung etwa durch Bäume und Sträucher helfen dabei, die Attraktivität des Gehens und das individuelle Wohlbefinden und Sicherheitsgefühl zu verbessern, gerade bei der Zunahme der Temperaturen in Zukunft. Durch Gehen an der frischen Luft, vermeiden wir sie zu verschmutzen!

Missachtung der Grundrechte

Doch gerade Fußgängerinnen und Fußgänger werden bei der Aufteilung von Verkehrsflächen oft benachteiligt. Aktive Mobilität muss zukünftig auf allen Ebenen der Infrastruktur- und Verkehrsplanung stärker berücksichtigt werden. Die StVO untersagt auch in Bonn das Parken auf Gehwegen. Im Interesse der Verkehrssicherheit, Barrierefreiheit (vgl. Ziel des Oberbürgermeisters bei der Idee des neuen Schwimmbads) und Lebensqualität ist dies nicht länger zumutbar und Kinder unter acht Jahren müssen auf den Bürgersteigen auch Rad fahren können. Gemäß EFA (Empfehlungen für Fußgängerverkehrsanlagen) und RASt (Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen) beträgt die Regelbreite eines Seitenraumes 2,50 m. Diese setzt sich zusammen aus 1,80 m Verkehrsraum für zwei zu Fuß Gehende, 0,50 m Sicherheitsraum zur Fahrbahn und 0,20 m Sicherheitsraum zur angrenzenden Bebauung. 1,80 Meter ist Mindest-Restgehwegbreite und 1,60 Meter absolutes Minimum! Woher kommt der Anspruch auf einen kostenlosen Stellplatz im öffentlichen Raum? Im privaten Raum werden viele private Stellplätze nicht zum Parken genutzt. Die StVO ist eine Bundesrechtsnorm und kann von einer Kommune nicht geändert werden. Die Stadt kann das Gehwegparken also in Zukunft gar nicht erlauben oder verbieten. Sie ist an die bestehende Rechtslage gebunden. Sollen die Fußgänger vielleicht überall wo es nicht geht, auf die Straße gehen? Und wer Kinder mehr als Autos liebt, gestaltet seine Städte kinder- und nicht autogerecht.

Politischer Widerstand zeigt sich meist auf der Straße.

Es geht beim Thema Fußverkehr immer um Zeiten und Orte. Man denkt, man wäre mit schnellen Verkehrsmittel schneller und fährt dafür aber immer weiter und braucht immer mehr Geld. Viele Bedürfnisse lassen sich heute nicht zu Fuß erledigen, da Stadträume so gestaltet sind, dass sie für Fußgänger unattraktiv sind. Wir kennen das, wenn z.B. der Supermarkt nicht mal auf dem Parkplatz Wege und Räume für Fußgänger eingeplant hat. Wie geht sowas?
Hier soll es also um Fußverkehr gehen, was wir seit wir Laufen gelernt haben verinnerlicht haben. Heute nutzen viele nur noch den scheinbar so bequem gewordenen Bleifuß, auch in Bonn Lead City.
Wir werden und hier also mit neuen Bewegungen beschäftigen, die seit 40 Jahren und mehr versuchen, das Bewusstsein zu schärfen, wie anderer Verkehr möglich sein kann. Aber letztendlich ist es auch jeder einzelne Bürger, der sich fragen muss, warum viele Wege nicht mehr zu Fuß zurückgelegt werden. Warum man in der Stadt als Fußgänger in Zukunft ganz selbstverständlich um Raum kämpfen sollte. Und wir müssen der Frage nachgehen, warum der Innenstadthandel von der Laufkundschaft mehr profitiert, als vom Individualverkehr. Andere Städte geraten in den Blick. Ob in Spanien ein Stadtfußplan inklusive Laufzeiten existiert oder in Hessen Einwohner gegen die alltägliche Unsitte des auch in Bonn bekannten Zuparken und Verdrängen von Bürgersteigen vorgehen mit Hilfe der Gesetze. Will eine breite Mehrheit überhaupt breitere Gehwege oder lieber breitere Parkplätze für breitere Autos mit breiteren Außenspiegeln? Wie möchte sich eine Gesellschaft bewegen, möchte sie sich überhaupt noch bewegen?

Kleine Schritte sind eine Bewegung!

Wir werden Bonn befragen und die Stimmung vor Ort untersuchen. Dann werden wir neue Wege zeigen, alle Literatur einbeziehen und zahlreiche Experten hören. Aber das eigentliche Ziel ist klar, wir wollen mit den Bürger*innen vor Ort, Straße für Straße und Stadtviertel für Stadtvierte Druck aufbauen für eine Veränderung unserer Situation. Wir werden so Politik und Verwaltung zeigen, wohin es gehen und wie es laufen soll, denn die Freiheit des Einzelnen beginnt auf der Straße! Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema, aber Fußverkehr ist auch ein sehr persönliches Thema: Mehr Menschen zu Fuß auf der Straße bedeutet mehr Teilhabe und Kontakte, mehr Sicherheit und mehr Freiheit. Zu Fuß unterwegs sein bedeutet Flexibilität und Fortschritt, weniger Stress, Sorgen und am Ende sogar mehr Zeit, denn schon heute müssen viele eine Woche lang nur für Ihr Auto arbeiten, um am Ende die Menschen mit Lärm und Abgasen zu schädigen, die zu Fuß unterwegs sind. Umdenken ist möglich, zur Not müssen Anreize verändert werden. Wer andere im Verkehr schädigt und behindert muss eben in Zukunft dafür bezahlen. Denn letztlich geht es statt mit Zwang nur mit effektiver Entscheidungsfreiheit. Dazu muss man für Fußgänger diese Wege aber erstmal fordern. Wer macht sich mit auf den Fußweg?