Die Fußgänger*nnen: Statt Rädchen im System nur Sand im Getriebe

Die Fußgänger*nnen: Statt Rädchen im System nur Sand im Getriebe

Die Verkehrsplanung und Politik arbeiten auch in Bonn seit den 70er Jahren an einem Teufelskreis mit sicherem Ausgang: Die Verwaltung stellt einen Mobilitätsbedarf fest, sie befriedigt ihn mit mehr und breiteren Straßen, diese neue Straßen führen zu Mehrverkehr, der Mobilitätsbedarf ist schon wieder unbefriedigt. Scheint da nicht gerade die Planung die Probleme hervorzubringen, die sie lösen möchte? Wandelt man also durch die historischen Ratsunterlagen und Verkehrsprobleme der Vergangenheit, fühlt man die Zeit stillstehen. Der Fußgänger*innen sind nicht Chance und Lösung, sondern eher Störenfried- und frida und schwächstes Glied in der Verkehrshierarchie, haben keine Lobby und haben sich eben unterzuordnen. Sein Begehren ist fast schon masochistischer Art und stößt bestenfalls auf taube Ohren, im schlimmsten Fall auf Demütigung und völliger Preisgabe und Gängelung.
Aber das ist doch dunkle Vergangenheit. Wir schreiben das Jahr 2005 als aus einem beschlossenen Handlungskonzept „Umweltverträgliche Verkehrsträgerpartnerschaft“ im Rahmen einer Öffentlichkeitsbeteiligung Strategien herausgearbeitet werden, mit den für Bonn klaren Zielen: Vermeidung von Verkehr, stärkere Nutzung umweltschonender Verkehrsmittel und damit eine Reduktion des Pkw-Verkehrs, ein besserer Verkehrsfluss auf Hauptstraßen zur Vermeidung von Beeinträchtigungen, bessere Aufenthaltsqualität im Straßenraum sowie Barrierefreiheit. Klingt gut, oder wie die Quadratur des Kreises? Dazu in den nächsten Folgen die Frage, was in den letzten Jahren an Empfehlungen schon umgesetzt ist und welche Situation für Fußgänger wir heute in der Innenstadt und den Stadtbezirken vorfinden. Doch zunächst der Alltag dahinter…

Alles olle Kamellen

Geht man ins Jahr 1995 zurück sind schon Probleme erkennbar, die uns nicht fremd sind. Zum Beispiel die bekannte Fußgängerunterführung zwischen Endenicher Straße und Altem Friedhof: Die Treppenstufen weisen teilweise Abplatzungen und Abnutzungen auf in denen sich kleine Pfützen bilden. Diese stellen aber für die Verwaltung keine Gefahr für den Benutzer dar. „Für eine grundlegende Ausbesserung der Treppen stehen keine Haushaltsmittel zur Verfügung.“ Das ewige Thema Geld, da muß man mal prüfen, für was jede Menge Geld vorhanden ist. Straßenbau und -unterhalt eventuell? Der „Ausschuß für ökologische und soziale Stadt- und Verkehrsplanung“ beschäftigt sich mit einem Antrag der Grünen „Umstellung der Ampeln für Fußgänger*innen auf max. 30 Sekunden Wartezeit „, doch die Verwaltung ist besorgt: „Die Bevorzugung des Fußgängerverkehrs im Sinne des Antrages steht im Widerspruch zum ÖPNV-Beschleunigungsprogramm, da im Regelfall der Fußgängerverkehr in Konkurrenz mit dem ÖPNV-Verkehr steht und sich eine gleichzeitige Bevorrechtigung beider Verkehrsarten ausschließt.“ Man ahnt bereits jetzt, wie leicht die einzelnen Verkehrsträger einfach gegeneinander ausgespielt werden. Denn die nicht mögliche Vorrangschaltung für Bahnen konnte erst vor kurzem auch mit der langen Räumzeit für Fußgänger an Übergängen begründet werden. Wollen Fußgänger bei Grün über die Straße, dann nur im Notfall, denn Grün für Fußgänger*innen führt zu „zusätzlichen Verkehrsstauungen bzw. Behinderungen und damit Belästigungen der Anwohner. Anwohner, die vermutlich auch zu einem Großteil alle mit dem eigenen Auto fahren? Wir haben mehr oder wenig freien Wettbewerb, der Stärkere und Lauteste setzt sich in der Stadt durch.
Will der Fußgänger freie Gehwege und stehen Fahrräder im Weg, dann kann die Verwaltung schon mal mit Abschleppen drohen. „Ein Versetzen ist jedoch nur möglich, wenn ein Fahrrad tatsächlich verkehrsbehindernd (Restbreite des Gehweges geringer als 1 m) abgestellt ist. „Würden vielleicht Autos auf Gehwegen parken wegen legalisiertem Parken, dann wird der Parkdruck ins Feld geführt. Möchte die CDU den Parkdruck von Anwohnern mindern hat sie sogar die Idee mit „gekippten“ Parkplätzen auf Gehwegen die Geschwindigkeit von breiten Straßen zu senken, leider auf Kosten von Radfahrern, die dann einfach nur einen „Suggestiv- bzw Schutz“streifen bekommen sollen. Die Idee „Eine Fahrbahnverengung mit Parkplätzen am Straßenrand dürfte in diesem Sinne verzögernd wirken“ wurde sicher auch dann angewendet, wenn Radfahrer auf Gehwege geschickt werden, Gehwege vollgeparkt werden dürfen oder wenn Autofahrer Straßenbahnen blockieren. Die CDU als Umweltpartei „Einzelne Bürger haben bereits signalisiert, in Zukunft auf ihre Vorgärten verzichten zu wollen, um dort Abstellflächen für ihre Pkw’s einzurichten. Nach Auffassung der Antragsteller muß dies verhindert werden, die Vorgärten der Häuser müssen in ihrer Funktion erhalten bleiben. Weitere Flächenversiegelungen dürfen hier im Sinne des Umweltschutzes nicht ohne weiteres hingenommen werden.“

Mit Bewegungsdruck auf die Straße?

Beim SPD-Antrag 1995 „Die Verwaltung wird gebeten, durch Anbringen eines Halteverbotsschildes das Parken auf dem Gehweg in der Endenicher Straße zu unterbinden“, weil für behinderte MitbürgerInnen und FußgängerInnen mit Kinderwagen (Kindergartennähe!) es oft nicht möglich ist, den Gehweg zu benutzen, da parkende Autos den Weg versperren. Durch Verkehrszeichen 315 ist das Parken dort ganz auf dem Gehweg zugelassen worden. Neben parkenden Kraftfahrzeugen verbleibt hier aber eine Gehwegbreite von 1,70 – 1,90 m. Diese Breite ist theoretisch für einen reibungslosen Fußgängerverkehr „ausreichend“. „Aufgrund des großen Parkdrucks in diesem Bereich beabsichtigt die Verwaltung nicht, das Parken in diesem Teilstück zu verbieten. Im übrigen gibt es keine Verkehrszeichen, die das Parken auf dem Gehweg verbieten, da dieses bereits nach der Straßenverkehrsordnung grundsätzlich verboten ist.“ Die Verwaltung versucht also mit einer „Abwägung aller Verkehrsinteressen“ die Wünsche nach Parkraum ebenso zu berücksichtigen, wie die Wünsche nach einer behinderungsfreien Nutzung der Gehwege. Bei der Entscheidung wird also der Parkdruck sowie die Menge des Fußgängerverkehrs geprüft und gegeneinander abgewogen. Bislang ist es aber ein Geheimnis wie viele Fußgänger genau pro Tag oder Stunde nötig sind, einen Parkplatz auf dem Gehweg zum Verschwinden zu bringen. Die Gerichte erkennen beim Parken auf Gehwegen übrigens eine Behinderung bei einer Unterschreitung von einem Meter Restgehwegbreite an. Doch in Bonn gibt es einige Stellen und ganze Straßenzüge, wo dies leider der Fall ist.

Barrierefreie Bordsteine nutzen auch den SUVs

Die Stadt Bonn beschließt also 2012 den in der Stadt fließenden Verkehr umweltverträglicher und nachhaltiger gestalten. Mit dem Verkehrsentwicklungsplan 2020 (VEP 2020) wird dafür ein „integriertes verkehrssektorübergreifendes Handlungskonzept“ vorgelegt, dessen Umsetzung dazu beitragen soll, die als Umweltverbund bezeichneten Verkehrsmittel Fuß, Rad und öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) zu fördern und zu stärken. Gleichzeitig „soll der motorisierte Individualverkehr weiterhin zur Funktion der Stadt beitragen können“ aber auch der Verkehrsfluss verbessert und auch noch die unerwünschten Folgen des Verkehrs begrenzt werden aber auch noch das Ziel zu entwickeln, dass der motorisierte Individualverkehr soweit als möglich reduziert wird. Wie diese Eier legende Wollmilchsau auf den Weg gebracht werden soll, und was es für die Fußgänger schließlich bedeutet dazu demnächst hier mehr. Schreibt gerne für Anregungen und Ideen!

Die Universität Duisburg-Essen hat 2017 unter dem Titel „MESSUNG UND ERFASSUNG DER FUSSGÄNGERFREUNDLICHKEIT VON STADTRÄUMEN“ eine Studie zum Thema in Essen durchgeführt
https://www.uni-due.de/imperia/md/content/staedtebau/messung_und_erfassung_der_fußgängerfreundlichkeit_in_essen_2017_xs.pdf