Bürgerexperte: Herand Müller-Scholtes von der Initiative „Verkehrswende Bonn“

Bürgerexperte: Herand Müller-Scholtes von der Initiative "Verkehrswende Bonn"
Jeden zweiten Sonntag stellen wir euch im Rahmen der Initiative „Verkehrswende Bonn“ jeweils eine*n Bonner Bürgerexperten/-in vor.
Diese Woche haben wir Herand Müller-Scholtes zum Interview getroffen und ihn zu seinem Engagement bei der Initiative „Verkehrswende Bonn“ befragt. Gestern konntet ihr hier auf unserem Blog bereits seinen zweiten Artikel „Die Fußgänger*nnen: Statt Rädchen im System nur Sand im Getriebe“ lesen. Jeden Samstag veröffentlicht Herand für euch wissenswerte Informationen rund ums Thema „Mobilität zu Fuß“.
Nun wollen wir euch aber nicht länger auf die Folter spannen, los geht’s mit dem Interview von Johanna Schäfer (Gründerin des BonnLAB) und Herand Müller-Scholtes):
Johanna: Lieber Herand,  vielen Dank, dass Du dich für eine Verkehrswende in Bonn stark machst. Fangen wir doch direkt mal an. Warum liegt Dir das Thema Mobilität denn besonders am Herzen?

Herand (Müller-Scholtes): Mobilität ist ein großes Bedürfnis, weil wir viele Dinge nicht zuhause erledigen können. Auch der Drang in die Natur und zu Kultur und sozialen Kontakten in der Stadt. Es ist eben ein sozialer und politischer Faktor unter Teilhabeaspekten. Aber wenn viele eigentlich das selbe möchten, gibt es Nutzungskonflikte, denn der städtische Raum kann nur einmal vergeben werden. Das wiederum hat was mit Gerechtigkeit und Macht zu tun. Wer bestimmt also wie wir uns fortbewegen? Das ist auch geschichtlich interessant. Zuletzt eine spannende Frage für mich wer in der Stadt bestimmt, wie der Raum aufgeteilt wird und wie man versucht allen Anforderungen gerecht zu werden und am Ende aber wieder bei Stau und hohen Mobilitätskosten landet, obwohl es weltweit schnelle, vernünftige Lösungen gibt, die sogar eine Mehrheit der Bürger mit tragen, da sie letztlich für alle den größten Nutzen haben! Aber die Politik ist da noch nicht so weit. Natürlich möchte ich, dass alle meine Freunde und die Familie ohne Angst mit dem Rad, oder mit ÖPNV-Vorfahrt überall in die Stadt fahren können ohne groß über Risiken und Wege nachzudenken!

Johanna: Kannst du uns noch etwas mehr über dich erzählen?

Herand: Ich habe Kommunikationswissenschaft und Soziologie studiert und bin freier Foto- und Textjournalist. Seit 2002 lebe ich wieder in Bonn und engagiere mich bereits seit vielen Jahren im Bereich Mobilität und Verkehr, zum Beispiel beim Verkehrsforum Bonn und für das Bürger- und Klimaticket. Ich bin in der Künstlergruppe Amorph und war sogar mal Mitglied im ADAC. 😊

Beim Thema Moblität ist mir besonders wichtig, dass die Benachteiligung der schwächeren, aber klimaneutraleren Verkehrsträger endlich aufhört, dass es also beispielsweise endlich breitere Radfahrspuren wie in Kopenhagen oder Oslo gibt. Außerdem ist mir bei meinem jahrelangen Engagement in der Stadt Bonn und beim Lesen zahlreicher Presseberichte über Verkehrsthemen aufgefallen, dass bei komplexen Themen oft Informationen und Wissen verloren gehen. In meinen Beiträgen möchte ich genauer hinschauen und Widersprüche benennen und versuchen diese aufzulösen. Was passiert in anderen Städten aktuell und warum läuft es dort gegebenenfalls besser? Wir brauchen diese Diskussion, auch Bürger können sich mit Ihren unterschiedlichen Erfahrungen einbringen. Ich habe wahrscheinlich den Vorteil, dass ich vom Kinderwagen, über den Tretroller, das Fahrrad, das Auto, den Lieferwagen, den 7,5-Tonner alles gefahren bin und auch gut zu Fuß unterwegs bin, wie mit Bus und Bahnen. Das macht einen nicht „automatisch“ zum vertrauenserweckenden Experten, aber zu einem glaubwürdigen Zeitzeugen unserer Situation in der Stadt. Das schärft in der Diskussion den neutralen Blick für die Wirklichkeit und durch viele Informationen kann das Thema Verkehr genauer erfasst werden.

Johanna: Welche Beobachtungen machst du denn beim Thema Verkehr?

Herand: Ich bin sehr an Fotografie und Kunst interessiert, was dann beim Thema Verkehr wohl seinen Schnittpunkt findet. Denn wenn man mit offenen Augen durch die Stadt läuft, fallen einem extrem viele Widersprüche im Verkehr und auch im Verhalten der Menschen auf. Alle wollen Ruhe und Natur, aber wir setzen uns ins Auto. Mit dem Rad erscheint uns 15 Minuten lange, aber viele Autonutzer arbeiten eine Woche pro Monat nur für die Autokosten. Oder Anwohner, die Ruhe möchten in der eigenen Straße, aber selbst mit dem Auto überall durch die Straßen fahren. Und es gibt in Bonn Radwege, die sich Fußgänger und Rad teilen müssen obwohl kein Platz ist und viele die man nicht nutzen darf, obwohl für beide Platz ist. Wir haben jetzt in der Stadt eine Nachhaltigkeitsstrategie auf Papier, aber was am Hauptbahnhof jetzt umgesetzt werden soll ist das komplette Gegenteil. Aber wie in der Kunst macht es dann eine Vielzahl von Elementen aus, die ein Ganzes ergeben, und das lustige, wir sind ob wir wollen oder nicht, alle die letztlich in eine Richtung mitgestalten.

Johanna: Welcher konkreten Schritte bedarf es Deiner Meinung nach, um die Verkehrswende erfolgreich in Gang zu bringen?

Herand: Zunächst wird in jedem einzelnen Kopf ein Schalter der Vernunft umgelegt, der jeden einzelnen selbst erkennen lässt, dass es so einfach nicht weitergehen kann, wie es gerade läuft und fährt. Mit dem ganzen Stress und teilweise fast schon Krieg gegen andere Menschen, Bewohner und nicht zuletzt gegen Natur und Klima! Wir sollten für andere Städte und Länder endlich Vorbild sein! Das geht nur über eine neue Aufteilung der verschiedenen Verkehrsarten!

Johanna: Was bedeutet für dich eine gelungene Verkehrswende?

Herand: Wir kommen alle entspannter und schneller an, indem wir etwas Geschwindigkeit zurücknehmen. Es ist schon aus gesundheitlichen Gründen nicht gut, ständig in Konflikt mit unserer Umgebung und anderen Menschen zu sein. Der Verkehr in der Stadt wird nicht zusammenbrechen nur weil der Verkehr anders organisiert wird, ganz im Gegenteil. Viele Städte sind schon Jahre weiter!

Johanna: Welche Ziele und Visionen sollten wir bei der Bonner Verkehrswende anstreben?

Herand: Wir wären einfach Vorbild als “die nachhaltige Stadt”, und könnten auch so leicht aufzeigen was “Citizen Capital” bedeuten kann, dass die Bewohner*innen einer Stadt die Verwaltung und Politik positiv unterstützen kann, anstatt unrealistische Forderungen zu stellen. Wenn wir dafür den Mobilitäts-Mix transformieren, sparen wir darüber hinaus auch dem städtischen Haushalt jede Menge Geld. Hier sollte mehr Transparenz und Ehrlichkeit her! Kaum einer weiß, dass jedes Auto eine Stadt 400 EUR im Jahr kostet, hingegen jedes Fahrrad unserer Stadt 400 EUR plus einbringt.

Johanna: Warum machst du bei der Initiative „Verkehrswende Bonn“ mit und für was machst du dich stark?

Herand: Es ist eine spannende Reise für alle. Man kann Leute mitnehmen in die Welt der Mobilität, manche zum Umdenken bewegen, und viele Menschen beim Wandel unterstützen. Dazu sollten wir Bedürfnisse aufzeigen, aber auch Widersprüche diskutieren! Und wir Bürger*innen selbst übernehmen Verantwortung,  aber dazu sollten wir auch mit Aktionen Transparenz schaffen, damit Informationen und Erkenntnisse nicht nur gekannt und diskutiert, sondern in Bonn auch endlich umgesetzt werden!

Johanna: Herand, das sind alles wichtige Gründe um bei uns dabei zu sein und tolle Aspekte, die du in unsere Arbeit einbringen kannst.
Wir freuen uns schon sehr auf unsere Zusammenarbeit mit dir.

 

In 2 Wochen geht es weiter mit der Vorstellung von Fritz Schwirz. Er übernimmt bei der „Verkehrswende Bonn“ die Federführung im Bereich „Rad“. Den nächsten Artikel von Fritz könnt ihr am Dienstag hier bei uns auf dem Blog lesen.
Johanna Schäfer
Johanna Schäfer
Johanna Schäfer ist die Gründerin und Geschäftsführerin des BonnLAB. 2015 schloss sie ihr Architekturstudium ab, seitdem widmet sie sich den Themen Stadtentwicklung, Nachhaltigkeit und Partizipation - nicht nur in Bonn, sondern international. Im Laufe der Jahre hat sie sich eine ausgezeichnete Expertise im Bereich Social Media erarbeitet und auch Dank der Neuen Medien eine breitgefächerte und starke Community aus Selbstständigen, Machern, NGOs, Weltverbesserern, Politikern, Journalisten (und vielen anderen Berufen und Leidenschaften) aufgebaut. Social Entrepreneurship ist Johanna eine große Herzensangelegenheit und ihre Mission ist es all die tollen #CityChangers unserer schönen Stadt Bonn sichtbarer zu machen und sie dazu zu mobilisieren sich aktiv für eine lebenswerte(-re) Zukunft einzusetzen.